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"Personen-/Klientenzentrierte"
nicht-direktive

GESPRÄCHSPSYCHOTHERAPIE

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Die Bezeichnung Gesprächspsychotherapie kann zunächst verwirrend sein, da angenommen werden kann, dass bei fast jeder Therapie das Gespräch zwischen Hilfesuchendem und Therapeut eine große Rolle spielt. Dieses von Carl Rogers eingeführte Verfahren trägt daneben noch die weniger bekannten Titel: "Nichtdirektive Therapie" oder "Klienten- bzw. Personenzentrierte Therapie". Am zuletzt genannten Begriff fällt auf, dass hier nicht von Patienten, sondern von Klienten (Vertragspartner) – oder auch außerhalb von Therapie oder Beratung schlicht von der „Person“ - die Rede ist.

Die Theorie der Gesprächspsychotherapie geht davon aus, dass seelische Störungen in erster Linie dadurch entstehen, dass bestimmte Gefühle nicht gefühlt werden dürfen und bestimmte Erfahrungen, die wiederum mit bestimmten Gefühlen verbunden sind, nicht oder nicht vollständig gemacht werden dürfen.

Der therapeutische Prozess soll so gestaltet werden, dass bisher nicht oder nur unvollständig zugelassene emotionale Erfahrungen als Erfahrungen (an-)erkannt werden, die zum Selbst dazugehören. Der Gesprächspsychotherapeut ist in hohem Maße am Klienten selbst interessiert, d. h. an seinem Erleben, Fühlen und Denken. Er will wissen, wie der Klient sich und die Welt sieht und erfährt.

Dem therapeutischen Verfahren liegt die Annahme zugrunde, dass Interpretationen des Therapeuten dem Klienten Angst machen. Der Klient kann nur durch eigene Erfahrung zu einer Einsicht gelangen. Er muss die Einsicht also selbst gewinnen.

Im Therapieprozess soll der Klient durch Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen von einem unfreien Umgang mit den eigenen Gefühlen und Beziehungen zu einem offenen und unmittelbaren Selbsterleben gelangen

Menschen sind grundsätzlich kompetent und fähig, das eigene Leben so zu gestalten, dass die ureigensten Bedürfnisse befriedigt werden und Selbstentfaltung möglich ist. Ein Konflikt deutet sich an, wenn eine Diskrepanz (eine Inkongruenz) zwischen realer und idealer Vorstellung, die eine Person von sich hat, entsteht. Dieses Missverhältnis führt zu psychischen Störungen wie z.B. Ängsten, Depressionen, es kann in einer vertrauensvollen Atmosphäre durch Selbstreflexion in der Gesprächstherapie ausgeglichen werden.

Andere Ursachen für Konfliktbildungen sind psychische Faktoren wie andauernde unbefriedigte Bedürfnisse nach Anerkennung und Zuwendung, nach Sinnfindung, nach Selbstbestimmung, nach Erfolgserlebnissen, sowie geringe Bewältigungsfähigkeiten und ungünstige Bewertungen.


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Die Gesprächstherapie

·    stellt den Menschen in den Mittelpunkt und vertraut auf seine Fähigkeiten
·    verzichtet daher bewusst auf »Experten«, Techniken und »Rezepte«
·    ist ein Weg, durch menschliche Beziehung von Person zu Person Hilfe anzubieten
 

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Die Aufgabe als Therapeut ist es, konkrete Ziele und Ratschläge möglichst zu vermeiden, sondern eher Bedingungen zu schaffen, die es den Klienten ermöglichen, ihre Bedürfnisse und Konflikte zu erkennen, zu sich selbst zurückzufinden und selbst zu beurteilen, wie ein befriedigendes und sinnreiches Leben für sie aussehen kann. Dadurch, dass nicht direkt beraten wird, wird vermieden, den Wachstums- und Selbstentfaltungsprozess zu stören. Die angeborene Fähigkeit zu Wachstum und Selbstverwirklichung wird sich durchsetzen, vorausgesetzt, die therapeutische Atmosphäre ist vertrauensvoll, aufmerksam und offen und es sind Ressourcen vorhanden, auf die zurückgegriffen werden kann, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Durch einfühlendes Verstehen (Empathie), durch bedingungslose Achtung der Persönlichkeit und Würde, bei vorbehaltloser, positiver Wertschätzung und mit menschlicher Wärme ist es möglich, zu dieser Atmosphäre beizutragen.

Der Therapeut versucht, Gefühle zu erkennen, zu akzeptieren und verdeutlichen zu können. Indem Gefühle, Einstellungen und Verhaltensweisen "gespiegelt" werden, können Klienten sich Klarheit über sich verschaffen, sich mit dem Therapeuten auseinandersetzen und lernen, sich selbst anzunehmen.

Dieses Erkennen und "Verstanden werden" wird ihnen nicht nur eine Neubewertung ihrer Gefühle, Ansichten und Einstellungen erleichtern, sondern sie werden mehr sich selbst im Finden ihrer eigenen Mitte. Dadurch wird es für sie möglich, ihre Persönlichkeit, ihre Schwächen und Mängel zu akzeptieren und damit in ihr Leben zu integrieren.

Therapeutisches Bemühen ist also, die Klienten bedingungslos zu akzeptierend, empathisch, kongruent und präsent zu sein und damit ihren inneren Bedeutungsrahmen  zu verstehen. 

Dies geschieht in der Gesprächspsychotherapie vor allem durch die verbale Ebene: durch genaues Zuhören, Nachfragen, Antworten, Sich-Formulieren, sowie nonverbal durch kongruente Übereinstimmung von Körpersignalen und Artikulation.

Indem Klienten im Wissen ihrer Stärke und Fähigkeiten die Verantwortung für sich selbst übernehmen, werden sie zufriedener und können sich zu einem reifen, ausgeglichenen und sinnzentrierten Menschen entwickeln.


Die vor allem im deutschsprachigen Raum auch als Gesprächstherapie bezeichnete Methode wurde in den 40er Jahren von dem Amerikaner Carl Rogers (1902 - 1987) entwickelt. Dem klientenzentrierten Ansatz liegt die Überzeugung zugrunde, dass der Mensch über ein ihm internes Potential zur Selbstverwirklichung ("Selbstaktualisierungstendenz") verfügt. In der therapeutischen Praxis gilt es, die Spaltung ("Inkongruenz") zwischen Selbstkonzept und aktueller Erfahrung aufzuheben, die sich in Leidenszuständen und Störungen niederschlägt.

Rogers nahm an, dass der Mensch über Potentiale zu psychischem Wachstum, Reife und Selbstverwirklichung verfügt, und dass der Mensch unter bestimmten Bedingungen regenerative Kräfte entfalten kann. Bei Beeinträchtigungen und Störungen im Erleben und Verhalten eines Menschen werden diese Potentiale geschwächt und vermindert, d. h. sie müssen remobilisiert und/oder zur Entfaltung gebracht werden. Dies erfolgt in erster Linie durch die Beziehung zum Therapeuten, der einfühlsam, wertschätzend und um das Verständnis des psychisch beeinträchtigten Menschen und dessen Probleme bemüht ist und folgende drei Grundeinstellungen vermittelt: Empathie (nicht wertendes, einfühlendes Verstehen)Akzeptanz (unbedingte Wertschätzung) undKongruenz (Echtheit).

Diese "notwendigen und hinreichenden Bedingungen" ermöglichen es dem Klienten, mehr Vertrauen zu sich selbst zu gewinnen, eine eigene innere Bewertungsinstanz zu entwickeln und zunehmend offen für Veränderungen zu werden.

Die Gesprächspsychotherapie ist demnach eine systematische, selektive und qualifizierte Form verbaler und nonverbaler Kommunikation und sozialer Interaktion zwischen zwei oder mehreren Personen (Therapeut und Klient) mit dem Ziel einer Verminderung der vom Klienten erlebten psychischen Beeinträchtigung auf der Basis grundlegender Erkenntnisse der wissenschaftlichen Psychologie, insbesondere der Lern- und Sozialpsychologie. Durch eine differenzierte Selbst- und Umweltwahrnehmung soll eine Neuorientierung des Klienten im Erleben und Verhalten bewirkt werden.

In der Verwirklichung des klientenzentrierten Ansatzes bleibt ein weiter Rahmen zur Integration von anderen Elementen (Übungen, Berührung, Spiel etc.), der je nach der Persönlichkeit des Therapeuten variiert. Die Therapieform wird sowohl in Einzelsitzungen als auch in Gruppen (Encounters) angewandt.


  




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 Woher sie kommt   
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Carl R. Rogers


1902–1987 











"Letztlich ist es Heilung durch Liebe"


Wie verschiedene andere Therapieverfahren hat auch die Gesprächspsychotherapie einen (Gründungs-)Vater. Es ist der amerikanische Psychologe Carl R. Rogers, aber sein Kind trägt viele Namen. Ursprünglich nannte er seine psychotherapeutische Methode »nicht-direktive Psychotherapie«, später »klientenzentrierte Psychotherapie«, und heute sprechen manche von »personzentrierter Psychotherapie«. In Deutschland spricht man meist von Gesprächspsychotherapie, wenn das heilkundliche Behandlungsverfahren gemeint ist. Diesen Namen hat der Hamburger Psychologie-Professor Reinhard Tausch eingeführt. Verschiedene Namen sind zwar einerseits lästig und auch verwirrend, zugleich aber erzählen sie bereits etwas über die Geschichte des Verfahrens und über die dahinter liegende Idee.

Am Anfang, das war etwa 1942, betonte Rogers, wie wichtig es sei, dem Patienten bzw. Klienten mit seinem Erleben, seinen Erfahrungen »Raum« zu geben, ihm nicht mit Ratschlägen oder Deutungen zuvorzukommen oder ihm Themen vorzugeben, über die er zu sprechen habe. Die Grundhaltung des Therapeuten sollte nicht-direktiv, d. h. nicht lenkend sein.

Rogers war zu dieser ersten Formulierung »richtigen« Therapeutenverhaltens durch Beobachtungen gekommen. Er hatte viele andere Therapeuten und Berater bei ihrer praktischen Arbeit beobachtet, als erster Forscher die Gespräche auch auf Tonträger aufgezeichnet und dabei festgestellt, dass erfolgreiche Psychotherapeuten vor allem das tun:

Sie hören genau zu, sind dabei emotional zugewandt, geben in der Regel keine eigenen Stellungnahmen ab, sondern fassen das zusammen, was sie glauben, von ihrem Klienten verstanden zu haben.

Im Titel eines Buches, das 1951 erschienen ist, taufte Rogers sein Verfahren in »klientenzentrierte Psychotherapie« um. Warum? Viele seiner Schüler und Leser hatten die nicht-lenkende Grundhaltung gründlich missverstanden. Sie verwechselten nicht-lenkend mit Passivität und einfühlendes Verstehen mit dem »Spiegeln«, d. h. Nachsprechen der Gefühle, die der Klient äußerte, und sie wurden damit natürlich vielen Klienten überhaupt nicht gerecht. Mit der neuen Bezeichnung wollte Rogers betonen, dass der Therapeut sich nach den Möglichkeiten des Klienten zu richten habe, und viele Klienten brauchen offenbar etwas ganz anderes als einen »spiegelnden« Therapeuten, um in einen therapeutischen Prozess eintreten zu können.

Die jüngste Bezeichnung »personzentrierte Psychotherapie« stellt eine Art Oberbegriff dar und trägt damit auch dem Umstand Rechnung, dass die klientenzentrierte Methode nicht nur ein für die Krankenbehandlung von Patienten sinnvolles Modell ist, sondern auch für andere Bereiche zwischenmenschlichen Miteinanders, z. B. für die Pädagogik, die Seelsorge, ja sogar für betriebliche Organisationen (z. B. Personalführung).

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Welche Idee dahinter steht

Die Theorie der Gesprächspsychotherapie geht davon aus, dass seelische Störungen in erster Linie dadurch entstehen, dass bestimmte Gefühle nicht gefühlt werden dürfen und bestimmte Erfahrungen, die wiederum mit bestimmten Gefühlen verbunden sind, nicht oder nicht vollständig oder nur verzerrt gemacht werden dürfen.

Den Grund dafür sieht die Theorie der Gesprächspsychotherapie darin, dass diese Gefühle und Erfahrungen von dem betroffenen Menschen als nicht zu sich, als nicht zu seinem Selbst passend bewertet und damit dem Bewusstsein fern gehalten werden. Dieser Vorgang der »Abwehr« bzw. Verfälschung bestimmter Gefühle und Erfahrungen ist in der Regel ein dem Menschen nicht bewusster Vorgang. Gespürt wird häufig nur eine unerklärliche Angst oder es stellen sich Symptome ein, z. B. eine Wahnvorstellung, deren Herkunft und Sinn dem Betroffenen verschlossen bleibt.

Wie kommen nun Menschen zu einem Selbst, das bestimmte Erfahrungen nicht machen darf, z. B. festzustellen, bei einer Aufgabe versagt zu haben, und bestimmte Gefühle, vor allem »negative«, wie Wut auf einen anderen Menschen, nicht fühlen darf?

Die Theorie der Gesprächpsychotherapie geht davon aus, dass Menschen nicht mit einem Bewusstsein von sich selbst, d. h. mit einem Selbst, geboren werden. Das Selbst eines Menschen entwickelt sich erst, und zwar im Kontakt, in der Interaktion mit anderen Menschen, vor allem natürlich in Interaktion mit den wichtigsten Bezugspersonen in der Kindheit, in der Regel also mit Mutter und Vater.
Die Entwicklung des Selbst eines Menschen wird von einem (angeborenen) Bedürfnis beeinflusst, nämlich dem Bedürfnis nach positiver Aufmerksamkeit (»positive regard«). Die Theorie der Gesprächspsychotherapie geht nun davon aus, dass nur solche Erfahrungen und die mit ihnen verknüpften Gefühle Bestandteil des Selbst (= Selbstkonzept) werden können, die von den wichtigen Bezugspersonen als Erfahrung und Gefühl des Kindes erkannt und emotional positiv aufgenommen werden.

Ein Kind, dessen Mutter – aus welchen Gründen auch immer – es nicht aushält, wenn ihr Kind Wutanfälle bekommt, wird diese emotionale Erfahrung – »es macht mich wütend, wenn ...« – nicht in sein Selbst integrieren können. Ist das Kind später Patient, wird es z. B. dem Therapeuten erzählen, dass es Angst davor hat, Wut zu spüren, denn Wütendsein sei gleichbedeutend mit Bösesein.
Stärke und Art seelischer Erkrankungen scheinen auch davon abzuhängen, wie »stabil« sich ein Selbstkonzept ausbilden konnte. Das Selbst von Menschen, die psychotisch erkranken, scheint sehr viel brüchiger zu sein als z. B. das von Menschen, die eine Essstörung entwickeln. Zu einer Psychose kommt es, wenn eine emotionale Erfahrung vom Selbst nicht integriert, aber auch nicht abgewehrt werden kann. Das Selbstkonzept bricht dann zusammen. Der akut psychotische Mensch ist dann – zumindest für Außenstehende – nicht mehr er selbst, sondern »ver-rückt«.

Die Entstehung des Selbst und seiner Störung mit der Folge seelischer Erkrankung ist natürlich ein viel komplexerer Vorgang als hier angedeutet. Vielleicht reicht das Beschriebene aber aus, um daraus die wichtigste Aufgabe eines Gesprächspsychotherapeuten abzuleiten: Der therapeutische Prozess soll so gestaltet werden, dass bisher nicht oder nur unvollständig zugelassene emotionale Erfahrungen als Erfahrungen (an-)erkannt werden, die zum Selbst gehören. Der Weg dorthin führt über verschiedene Etappen. Anknüpfend an das o. g. Beispiel ist es häufig zunächst erforderlich, bewertende Erfahrungen zu hinterfragen. Unser Patient müsste vermutlich zunächst erkennen, dass immer dann, wenn er sich »böse« fühlt, er eigentlich wütend ist.



Wie behandelt wird

Um das o. g. Ziel zu erreichen, strebt der Gesprächstherapeut im Kontakt mit dem Klienten/Patienten eine bestimmte Beziehung an, die aus der Sicht des Therapeuten durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist:

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·  Der Therapeut bleibt kongruent, d. h. er kann sich aller seiner Erfahrungen, die in ihm bei dem Versuch, sich in den Klienten einzufühlen, aufsteigen oder sich in ihm ankündigen, bewusst werden.

·  Der Therapeut zeigt dem Klienten gegenüber »bedingungslose Wertschätzung«, d. h., wann immer er spürt, dass er den Patienten nicht bedingungslos annimmt, kann er das bei sich selbst und beim Klienten verstehen mit der Folge der Wiederherstellung der »bedingungslosen Wertschätzung«.

·  Der Therapeut versteht auf dem Wege der Einfühlung, der Empathie, das Erleben des Klienten und teilt ihm das auf diesem Wege Verstandene mit.

·  Der Therapeut kann das Verstandene dem Patienten so mitteilen, dass dieser es zumindest in Ansätzen wahr- und annehmen kann.

Der Gesprächspsychotherapeut »behandelt« also durch Empathie, ein "einfühlendes Verstehen" des anderen im Zustand der Kongruenz, begleitet von unbedingter Wertschätzung für den Verstandenen. Vom Klienten aus betrachtet findet eine Therapie dann statt, wenn er in der Lage ist, zumindest in Ansätzen, dieses Beziehungsangebot des Therapeuten anzunehmen, d. h., wenn er zulässt, empathisch verstanden zu werden, wenn er zulassen kann zu erleben, dass in den empathischen Äußerungen des Therapeuten sein – des Klienten –, Erleben zum Ausdruck kommt.

Diese Bedingung ist häufig nicht gegeben, z. B. wenn ein Klient akut psychotisch ist, im Therapeuten nicht mehr seinen Therapeuten erkennt, sondern einen von einem Geheimdienst »umgedrehten« Agenten. Eine solche Situation macht eine Psychotherapie nicht zwangsläufig sinnlos, sondern häufig nur anders, vor allem, wenn die therapeutische Beziehung schon längere Zeit besteht. Das für den Patienten Hilfreiche kann dann etwas anderes sein, z. B. dass der Therapeut nicht anfängt, dem Patienten diese Vorstellung als unsinnig auszureden; dass der Therapeut in der Stunde ganz und gar den Mund hält und nur zuhört; dass der Therapeut nicht von eigenen Ängsten überflutet wird usw.


Von außen betrachtet lassen sich folgende Charakteristika einer Gesprächspsychotherapie feststellen:

·     Therapeut und Patient sitzen beide auf Stühlen, meist an einem Tisch »über Eck«, sodass ein Blickkontakt, wenn er gewünscht wird, aktiv hergestellt werden kann.

·     Der Therapeut sagt viel weniger als der Patient. Der Therapeut hört vor allem zu.

·     Wenn der Therapeut etwas sagt, dann meist zu dem gefühlsmäßigen Erleben des Patienten und den Bewertungen, die der Patient dazu hat (»Sie finden es peinlich, wenn Sie aus der Fassung geraten und wütend werden«).

·     Der Therapeut gibt in der Regel keine Ratschläge (also nicht: »Wenn Sie so sehr unter Ihrer Frau leiden, dann lassen sie sich doch scheiden«) und auch keine Themen vor (also nicht: »Heute sollten wir mal über Ihre Mutter sprechen«).

Bei der Behandlung von Patienten, die eine Psychose hatten, wird vor allem die letzte »Regel« klientenzentriert gehandhabt: Ein Ziel vieler Gesprächspsychotherapeuten ist es, dass die Erfahrungen, die der Patient in und mit der Psychose gemacht hat, irgendwann zur Sprache kommen. Irgendwann heißt, dass der Zeitpunkt sehr vom Patienten mitbestimmt wird. Ganz sicher muss der Therapeut es von sich aus ansprechen, wenn sich bei ihm das Gefühl entwickelt, der Patient droht in die Psychose abzugleiten. Bevor er diesen Eindruck als seine Wahrnehmung dem Patienten mitteilt, hat er sich zu vergewissern, ob dieser Eindruck nicht Ausdruck einer eigenen Angst im Sinne der o. g. Inkongruenz ist. Ist er es nicht, dann wird der Gesprächspsychotherapeut mit dem Patienten z. B. auch die Fragen erörtern, ob es nicht besser sei, wieder Medikamente zu nehmen oder sich in eine Klinik zu begeben.

Wird die Behandlung ambulant durchgeführt, so treffen sich Therapeut und Patient in der Regel einmal in der Woche zu einer 50-minütigen Sitzung. Die Dauer einer gesprächspsychotherapeutischen Behandlung ist von vielen Faktoren abhängig, u. a. von der Schwere der Erkrankung. Die durchschnittliche Dauer beträgt 40–80 Sitzungen, also mindestens ein Jahr. Bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen oder mit einer Psychose in der Vorgeschichte muss mit Behandlungszeiträumen von drei Jahren und länger gerechnet werden. Im fortgeschrittenen Stadium einer solchen Behandlung spielt häufig nicht mehr die Zahl der Kontakte eine Rolle, sondern der Zeitraum, in dem der Therapeut zur Verfügung steht. Manchen Patienten genügt es, wenn sie alle vier Wochen mit ihrem Therapeuten sprechen, anderen sogar ein kurzes Telefongespräch. Wichtig ist in diesem Stadium vor allem, dass der Therapeut für den Patienten weiter emotional erreichbar und evtl. auch verfügbar ist.

 

Wann und wo sie angewendet wird

Der klassische Anwendungsbereich für Gesprächspsychotherapie sind die neurotischen Erkrankungen.

Die Gesprächspsychotherapie hat sich auch in vielen Fällen als eine erfolgreiche Behandlungsmethode für Menschen mit Persönlichkeitsstörungen und sogar bei psychotischen Erkrankungen erwiesen, und zwar sowohl als alleinige Behandlungsmethode als auch bei gleichzeitiger medikamentöser Behandlung. Dass das so ist, hängt sicherlich mit dem Menschenbild der Gesprächspsychotherapie zusammen. Gesprächspsychotherapeuten haben ein hohes Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen. Sie »greifen« nicht ein, sondern bieten in der Therapie eine Beziehung an, die seelische Entwicklung ermöglicht, nicht bahnt.

Das Menschenbild der Gesprächspsychotherapeuten bringt es mit sich, dass sie Patienten/Klienten sehr respektvoll und vertrauensvoll begegnen. Sie wollen auch nicht, dass Patienten lernen, Probleme zu lösen oder möglichst schnell symptomfrei zu sein – womit sie sich nicht selten auch im Widerspruch zu den Wünschen ihrer Patienten sehen.

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Überspitzt ausgedrückt: Der Gesprächspsychotherapeut will von seinem Klienten/Patienten nichts anderes als ihn zu verstehen, was zur Folge hat, dass sich auch der Patient selbst besser versteht.

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Der Gesprächspsychotherapeut ist in hohem Maße interessiert an der Person, d. h. an seinem Erleben, Fühlen und Denken. Er will wissen, wie der Patient sich und die Welt sieht und erfährt. Diese Eigenheiten des Gesprächspsychotherapeuten kommen psychotisch erkrankten Menschen und ihren Beziehungsproblemen – zu sich selbst und zu anderen Menschen – offenbar sehr entgegen. Warum das vermutlich so ist, kann an dieser Stelle nicht vertieft werden.

Ganz sicher kann man mit einer Gesprächspsychotherapie im engeren Sinne nicht beginnen, wenn ein Patient akut psychotisch ist, z. B. sich oder andere gefährdet. Hier sind andere Schritte vorrangig, z. B. die Einleitung einer medikamentösen Behandlung. Ob eine Gesprächspsychotherapie nach Abklingen der akuten Phase die Methode der Wahl ist, hängt weitgehend davon ab, ob der Patient das oben beschriebene Beziehungsangebot des Gesprächspsychotherapeuten wahr- und annehmen kann.

Eine Gesprächspsychotherapie mit psychiatrisch erkrankten Menschen, besonders solchen mit psychotischen Störungen, wird immer auch unter prophylaktischen Gesichtspunkten durchgeführt werden, d. h., es wird mit dem Patienten erarbeitet, welche Situationen bzw. welche Erfahrungen sein Selbstkonzept so gefährden, dass er darauf mit psychotischen Symptomen reagiert. Aus der Art der Erkrankung (Diagnose) ergeben sich keine Hinweise darauf, ob eine Gesprächspsychotherapie hilfreich sein kann oder nicht. Nicht die Diagnose, z. B. Schizophrenie oder Depression, entscheidet darüber, ob eine Gesprächspsychotherapie eine geeignete Behandlung ist, sondern ob der Patient das gesprächspsychotherapeutische Beziehungsangebot als für sich hilfreich erlebt. Das finden Patient und Therapeut nur durch einige so genannte Probesitzungen heraus.

Im stationären Bereich, d. h., in Kliniken und Nachsorgeeinrichtungen, hat sich eine indirekte Form der Behandlung von psychotisch kranken Menschen sehr bewährt, nämlich die Supervision der Mitarbeiter (Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, Sozialarbeiter und so weiter), die den Patienten direkt betreuen. Der Effekt dieser Form der Behandlung, also die Wirksamkeit der Supervision, soll hier sehr verkürzt beschrieben werden: In dem Maße, in dem ein Mitarbeiter sich und seine Gefühle im Kontakt mit einem bestimmten Patienten mit Hilfe der Supervision besser versteht, geht es in aller Regel auch dem Patienten besser.

 

Welche Risiken es gibt

Die Hauptrisiken einer Gesprächspsychotherapie mit Psychosekranken teilt die Gesprächspsychotherapie mit allen anderen verbalen Therapiemethoden:

Der Patient kann erneut psychotisch werden, trotz der Therapie oder gar wegen der Therapie. Und auch die Gefahr, dass er suizidal wird und sich suizidiert, kann nicht ausgeschlossen werden.

Eine erneute psychotische Erkrankung ist bei manchen Patienten ein Risiko, das eingegangen werden muss, um eine wünschenswerte Entwicklung in Richtung Genesung zu ermöglichen. Wie oben ausgeführt, bringt eine Gesprächspsychotherapie den Menschen in Kontakt mit den Erfahrungen, die er bisher nicht wahrhaben, nicht fühlen durfte. Das sind in aller Regel sehr schmerzliche Erfahrungen, die bewirken können, dass sich einige Patienten eine Zeit lang wieder in »ihre Psychose« zurückziehen müssen.
Eine andere Erfahrung besteht darin, dass einige Psychosekranke bestimmte Gefühle und Erfahrungen nur in der Psychose selbst zum Ausdruck bringen können. In diesen Fällen ist die Psychose nicht Schutz, sondern Ausdrucksmittel, das dem Gesprächspsychotherapeuten unter Umständen ein genaueres Verstehen  ermöglicht.

Auch das Auftauchen von Suizidalität beruht nicht zwangsläufig auf einem »Kunstfehler« des Therapeuten, sondern sie kann Ausdruck einer Reaktion auf die schmerzhaften Erfahrungen sein, mit denen der Patient in der Therapie in Kontakt gekommen ist.


Wird ein Klient während einer gesprächspsychotherapeutischen Behandlung psychotisch oder suizidal, dann kann das aber auch durch den Therapeuten selbst verursacht sein. Nach meinen Erfahrungen kommt es zu solchen schädlichen Entwicklungen, wenn der Therapeut etwas in der therapeutischen Beziehung »übersehen« hat bzw. etwas nicht wahrhaben will. Der Grund dafür sind häufig heftige Zuneigungs- oder Abneigungsgefühle, die der Klient zum Therapeuten entwickelt. Dem Klienten sind diese Gefühle zum Therapeuten meist nicht bewusst, und der Therapeut seinerseits nimmt sie nicht wahr oder missversteht sie.

Wie schützen Therapeuten sich und ihre Patienten vor schädlichen Entwicklungen der therapeutischen Beziehung? Gesprächspsychotherapeuten lassen ihre Behandlungen bei einem anderen Therapeuten oder in einer Gruppe von therapeutischen Kollegen supervidieren, d. h., sie berichten dort von Behandlungen, bei denen sie das Gefühl entwickelt haben, etwas nicht verstanden zu haben oder wenn sie mit dem Behandlungsverlauf unzufrieden sind oder sich ein diffuses Unbehagen eingestellt hat. 
 
Zum Schluss

Es ist die Regel, zunächst eine gewisse Anzahl - meist drei bis fünf - Vorgespräche zu vereinbaren, bevor man die eigentliche Therapie verabredet. Am Ende dieser Vorgespräche sollte sich beim Klienten der sichere Eindruck einstellen: Ja, mit diesem Menschen kann ich sprechen, ich habe dabei ein gutes Gefühl und auch die Hoffnung, dass es mir helfen wird. Wenn die psychische Erkrankung des Klienten bereits eine oder mehrere stationäre Behandlungen erforderlich gemacht hat, sollte er das dem Therapeuten ebenso wenig verschweigen wie frühere Suizidversuche. Er sollte sich seinerseits beim Therapeuten vergewissern, dass dieser die Behandlung nicht automatisch abbricht, wenn solche Krisen erneut auftreten sollten.

 

Wenn Sie mehr wissen wollen/Adressen

·   Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG), Richard-Wagner-Str. 12, 50674 Köln. Tel.: 0221/252917, www.gwg-ev.org, E-Mail: gwg@gwg-ev.org. Die Bundesgeschäftsstelle verschickt auf Anfrage Listen von Gesprächstherapeuten nach Regionen geordnet.

·   Deutsche Psychologische Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie (DPGG). Geschäftsstelle, c/o Prof. Dr. Jochen Eckert, Psychologisches Institut III der Universität Hamburg, Von-Melle-Park 5, 20146 Hamburg, Tel. 040/42838-5362, E-Mail: jeckert@uni-hamburg.de.

·   In Österreich: Österreichische Gesellschaft für wissenschaftliche klientenzentrierte Psychotherapie und personzentrierte Gesprächsführung (ÖGwG), Marienstr. 4, A-4020 Linz, www.psychotherapie.at, E-Mail: oegwg@psychotherapie.at.
Arbeitsgemeinschaft Personzentrierte Gesprächsführung (APG), Postfach 524, A-1171 Wien

·   In der Schweiz: Schweizerische Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie und personzentrierte Beratung (SGGT), Josefstr. 79, 8005 Zürich, Tel. (0041) (0)1/2727271, E-Mail: sggtpcp@access.ch.

Quellen:
Jochen Eckert, Fritz-Michael Sadre Chirazi-Stark, Fritz Bremer, Ingeborg Esterer:
Wege aus dem Wahnsinn. Therapien, Begleitung, Selbsthilfe bei psychotischen Erkrankungen. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Psychiatrie - Verlag, Bonn 2002.

 

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